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Akupunktur und IVF-Therapie

Akupunktur und IVF-Therapie
Von Ursula Bentin-Ley, Fachärztin der Gynäkologie und Geburtshilfe, Ph.D.
 
Immer mehr Frauen entscheiden sich bei einer IVF-Therapie für eine begleitende Akupunkturbehandlung. Es wird angenommen, daß die Akupunkturbehandlung im Zusammenhang mit dem Einsetzen der Embryos positiv auf das Hormonsystem auswirkt und die Durchblutung der Eierstöcke und der Gebärmutter anregt.
In der anerkannten amerikanischen Zeitschrift „Fertility and Sterility“ vom Mai 2006 gibt es drei Artikel zur Wirkung von Akupunktur beim Einsetzen der Embryos in die Gebärmutter (Embryotransfer). Die Studien kommen aus Dänemark (1), Deutschland (2) und Australien (3). In allen drei Studien wurde eine Probandengruppe mit Akupunktur behandelt und eine zweite Gruppe diente als Kontrollgruppe.
 
Der Aufbau der jeweiligen Studien ist sehr unterschiedlich. In der dänischen Studie werden zwei verschiedene Gruppen mit Akupunktur behandelt und mit einer Kontrollgruppe verglichen. Die eine Gruppe erhält Akupunktur beim Embryotransfer. Die zweite Gruppe erhält Akupunktur beim Embryotransfer und wieder 2 Tage danach. In der deutschen Studie finden die Akupunkturbehandlung beim Einsetzen der Embryos und 3 Tage danach statt. In der australischen Studie erfolgt die Akupunkturbehandlung am 9. Stimulationstag und beim Embryotransfer. Die Studien kommen zu dem Ergebnis, daß Akupunktur die Schwangerschaftsrate nach einer IVF- oder ICSI-Therapie erhöht. Dennoch gibt es einige wichtige Kritikpunkte dieser Studien:
 
Die Anzahl der Patientinnen in den einzelnen Studien ist zu klein. Dadurch wird das Risiko erhöht, daß die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen zufällig entstehen. (Beispiel: Wirft man einen Würfel 10 Mal, ist es relativ leicht 4 Mal eine „6“ zu würfeln. Die Wahrscheinlichkeit wäre dann 4/10 (40 %). Würfelt man hingegen 1000 Mal, ist die Wahrscheinlichkeit für eine „6“ nur 1/6 (17 %), da die zufälligen Abweichungen durch die hohe Anzahl des Würfelns ausgeglichen werden. Auf die gleiche Weise können Unterschiede bei einer relativ kleinen Patientengruppe durch Zufälle bedingt sein. Sie wären unter Umständen nicht nachweisbar, wenn die Studien eine ausreichend hohe Patientenzahl berücksichtigt hätten.)
 
Probleme mit der Kontrollgruppe. In der dänischen Studie erhält die Kontrollgruppe keine Akupunktur. Alle Patientinnen und Ärzte wissen also, zu welcher Gruppe die jeweiligen Patientinnen gehören. Dadurch entsteht die Möglichkeit eines Placeboeffekts (ein Effekt, der durch andere Faktoren als die eigentliche Behandlung verursacht wird), z.B. durch größere Aufmerksamkeit und Pflege nach dem Embryotransfer. Weiterhin sind die Schwangerschaftsraten in der Kontrollgruppe geringer als im Durchschnitt der Klinik. Dadurch werden die Unterschiede zwischen der Probandengruppe und der Kontrollgruppe größer als sie es dem Durchschnitt gemäß sein müßten.
 
In der deutschen Studie findet die Akupunkturbehandlung der Kontrollgruppe auch an anderen Körperteilen statt. Diese aktive Behandlung kann sich dahingehend schädlich ausgewirkt haben, so daß der zu beobachtende Unterschied darauf beruht, daß die Ergebnisse der Kontrollgruppe viel schlechter als normal sind. In der Tat ist die Schwangerschaftsrate in der Kontrollgruppe 15%, während sie im Durchschnitt für ganz Deutschland zur gleichen Zeit für die gleiche Altersgruppe 23% beträgt. Der Unterschied beruht also in hohem Maße darauf, daß es in der Kontrollgruppe weniger Schwangere gibt als zu erwarten wären.
 
In der australischen Studie werden in der Kontrollgruppe spezielle Akupunkturnadeln verwendet, so daß die Patientinnen nicht unmittelbar wissen, zu welcher Gruppe sie gehören. In dieser Studie sind die Schwangerschaftsraten in der Kontrollgruppe ebenfalls niedriger als im Klinikdurchschnitt. Dies führt dazu, daß die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen größer werden.
 
Akupunkteure. In der australischen Studie wird die Akupunktur von zwei Akupunkteuren ausgeführt, wohingegen die Zahl der behandelnden Akupunkteure in der deutschen Studie nicht erwähnt wird. In der dänischen Studie haben neun verschiedene Krankenschwestern die Akupunkturbehandlungen ausgeführt. In einer klinischen Studie ist es äußerst bedeutsam, daß die Behandlungen jedes Mal auf gleiche Weise ausgeführt werden. Bei der Verwendung von so vielen verschiedenen Akupunkteuren besteht das Risiko, daß die Akupunktur nicht jedes Mal auf die gleiche Weise ausgeführt wird, da alle Akupunkteure nicht gleich arbeiten. Einige Krankenschwestern in der dänischen Studie hatten dementsprechend bessere Ergebnisse erzielt als andere.
 
Ergebnisse. In der dänischen Studie werden bei den mit Akupunktur behandelten Patientinnen etwas mehr Embryos eingesetzt als bei der Kontrollgruppe. Daher ist die Schwangerschaftsrate (Anzahl der Schwangerschaften pro Embryotransfer) in dieser Gruppe auch höher als in der Kontrollgruppe. Die Implantationsrate (Anzahl der eingesetzten Embryos im Verhältnis zur Gesamtsumme der eingesetzten Embryos in der Gruppe) ist jedoch für beide Gruppen gleich.
 
Die Gruppe, die 2 Tage nach dem Embryotransfer eine zusätzliche Akupunkturbehandlung empfing, erzielte überraschenderweise keine besseren Ergebnisse als die Kontrolgruppe.
 
Vergleicht man die Anzahl der Schwangerschaften zwischen der Kontrollgruppe und der ersten Akupunkturgruppe in der 7. Woche, liegt ein statistisch bedeutender Unterschied vor. Geht man jedoch davon aus, dass in beiden Gruppen 15% der Patientinnen nach der 7. Woche einen Spontanabort haben, besteht zum Zeitpunkt der Geburt kein Unterschied zwischen den beiden Gruppen.
 
Die Verfasser der dänischen Studie geben an, daß die Akupunktur nur bei Frauen unter 38 Jahren förderlich ist. Betrachtet man die Ergebnisse genauer, stellt sich heraus, daß die Frauen der Kontrollgruppe, die unter 38 Jahren alt waren, nur zu 23% schwanger wurden, wohingegen 25% der Frauen über 38 Jahren in der Kontrollgruppe schwanger wurden. Normalerweise ist dieses Verhältnis umgekehrt. Das schlechte Ergebnis für die jüngeren Frauen der Kontrollgruppe trägt zu dem beobachteten Unterschied zwischen der Akupunkturgruppe und der Kontrollgruppe bei.
 
In der deutschen Studie wird nur dann eine Wirkung der Akupunktur festgestellt, wenn die Akupunkturbehandlung beim Embryotransfer und 3 Tage danach stattfindet. Dies wird nicht durch das Ergebnis der dänischen Studie bestätigt, in der die Gruppe, die 2 Tage nach dem Embryotransfer mit Akupunktur behandelt wurde, keine besseren Ergebnisse erzielte als die Kontrollgruppe. Die Ergebnisse der deutschen und der dänischen Studien sind also verschieden.
 
In der deutschen Studie stellt sich eine Wirkung der Akupunktur nur nach mindestens drei IVF-Behandlungen ein. Bei der 1. und der 2. Behandlung besteht kein Unterschied zwischen der Akupunkturgruppe und der Kontrollgruppe. In der dänischen Studie wurde dieser Parameter nicht untersucht. In der deutschen Studie sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen in der 7. Woche ebenfalls gering. Leider wurden die Gruppen nicht bis zum Zeitpunkt der Geburt begleitet und deshalb konnte nicht beobachtet werden, ob die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen im Laufe der Schwangerschaft geringer werden.
 
In der australischen Studie wird die Implantationsrate nicht berücksichtigt. Die Zahl der Zwillingsgeburten ist in beiden Gruppen gleich groß. Dies spricht gegen eine positive Wirkung von Akupunktur auf die Gebärmutterschleimhaut. Wenn die Akupunkturbehandlung die Schleimhaut empfänglich für das Embryo machen sollte, müßte zu erwarten sein, dass sich mehr Embryos einnisten. Auch in der dänischen Studie gibt es keinen Unterschied zwischen den Implantationsraten der beiden Gruppen.
 
Zusammenfassung. Die Ergebnisse der drei Studien sind sehr unterschiedlich. In der dänischen Studie ist keine Wirkung der Akupunkturbehandlung nachweisbar, wenn die Akupunktur beim Embryotransfer und 2 Tage danach gegeben wird. In der deutschen Studie ist dies hingegen der Fall. In der dänischen Studie ist eine Wirkung nur bei Frauen unter 38 Jahren nachweisbar, wohingegen die Akupunktur in der australischen Studie auch bei älteren Frauen wirksam ist. Die Forschungsergebnisse sind also nicht eindeutig. Dadurch werden die Ergebnisse weniger überzeugend, als wenn sie in allen drei Studien gleich gewesen wären.
 
In allen drei Studien gibt es methodische Probleme. Die Anzahl der Teilnehmerinnen ist zu klein, um statistisch sichere Ergebnisse festzustellen. Der Prozess der Randomisierung (Aufteilung der Patientinnen in verschiedenen Gruppen) ist nicht hinreichend beschrieben, die Akupunkturpunkte sind in allen drei Studien unterschiedlich und die Qualität der Embryos variiert auch innerhalb der Gruppen. Insgesamt bedeutet dies, daß die Ergebnisse der Untersuchungen nicht überzeugend sind.
 
Es gibt also keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, daß eine Akupunkturbehandlung die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft erhöht. Zur Beantwortung dieser Frage fehlen weitere, umfassendere und besser angelegte Studien.
 
Es deutet jedoch auch nichts darauf hin, dass die Akupunktur beim Embryotransfer schädlich ist. Viele Frauen empfinden Wohlbehagen nach den Behandlungen und sind entspannter und ruhiger. Andere haben das Gefühl, mehr Energie zu haben. Zugleich ist es für viele befriedigend, wenn sie selbst aktiv dazu beitragen können, dass die IVF-Therapie gelingt. Diese positiven Wirkungen erleichtern unter Umständen die Durchführung der IVF-Therapie, die körperliche Unannehmlichkeiten mit sich führt, und oft auch eine psychisch belastende Zeit im Leben der Patientin darstellt.
 
In der Dänischen Fertilitätsklinik arbeiten wir mit dem Akupunkteurin und Ärztin für chinesische Medizin Qunhui Mao zusammen. Ihre Klinik befindet sich ebenfalls auf Frederiksberg. Qunhui Mao war für die Supervision der Krankenschwestern in der dänischen Studie zuständig.
 
Litteratur:
 
1. Westergaard LG, Mao Q, Krogslund M, Sandrini S, Lenz S, Grinsted J. Fertility & Sterility 2006, 85 (5); 1341-46.
2. Dieterle S, Ying G, Hatzmann W, Neuer A. Fertility & Sterility 2006, 85 (5); 1347-51.
3. Smith C, Coyle M, Norman RJ. Fertility & Sterility 2006, 85 (5); 1352-58.